Wir haben am Montag, dem 07.09.2026 auf der Kundgebung: Wir sind alle Antifa! AfD stoppen! einen Redebeitag gehalten welchen wir euch wie gewohnt hier zur Verfügung stellen.
Liebe Antifaschist:innen, liebe Genoss:innen, liebe Leute,
seit einigen Wochen hören wir überall wieder die üblichen Floskeln: Die demokratischen Parteien müssen zusammenstehen. Die Brandmauer muss halten. Die Demokratie muss gegen ihre Feinde verteidigt werden.
Und ja: Es macht einen Unterschied, ob Faschist:innen und extreme Rechte regieren oder nicht. Es macht einen Unterschied für Migrant:innen, für Jüdinnen und Juden, für queere Menschen, für Menschen mit Behinderung, für Erwerbslose, für Gewerkschafter:innen, für Linke. Es macht einen Unterschied für alle, die von rassistischer Gewalt, Abschiebungen, Sozialabbau und autoritärer Politik bedroht sind. Das wollen wir gar nicht in Frage stellen. Was wir uns hingegen fragen müssen ist:
Was ist das eigentlich für eine Demokratie, die den Faschismus immer wieder selbst hervorbringt – und uns anschließend auffordert, sie vor ihm zu retten?
Der Erfolg der AfD fällt nicht vom Himmel.
Die Mieten und Lebensmittelpreise steigen. Krankenhäuser werden geschlossen. Arbeitsplätze werden gestrichen. Löhne sinken.
Die Angst vor sozialem Abstieg und Armut wächst. Die Wut auf die politisch Handelnden wächst.
Die Erfahrung, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse immer brutaler werden, ist real. Und sie ist nicht zufällig: In seinen Krisen verschärft der Kapitalismus Armut, Unsicherheit und Konkurrenz.
Der Faschismus aber richtet den Zorn nicht gegen die kapitalistischen Verhältnisse, nicht gegen Eigentum, Profit und Klassenherrschaft, sondern gegen Migrant:innen, Erwerbslose und andere Teile der lohnabhängigen Klasse. So wird aus sozialer Wut rassistische und nationalistische Hetze. Wo der Faschismus an die Macht kommt, zerschlägt er Gewerkschaften, linke Parteien und soziale Bewegungen — also gerade jene Organisationen, in denen sich Lohnabhängige und Unterdrückte gegen Kapital und Herrschaft zusammenschließen können. Das sind die Vorbereitungen darauf, dass die Kosten der Krise noch brutaler auf die lohnabhängige Mehrheit abgewälzt werden.
Faschismus ist also keine Antwort auf die kapitalistische Krise, sondern ihre brutale und autoritäre Zuspitzung.
Und genau deshalb müssen wir darüber sprechen, wo die Krisen und Widersprüche herkommen, wie Macht und Eigentum in dieser Gesellschaft verteilt ist und welche Rolle die bürgerliche Demokratie dabei spielt. Nur dann lässt sich der Erfolg der AfD verstehen.
Wir müssen uns zunächst darüber klar sein, dass die bürgerliche Demokratie im Grunde dort endet, wo das Privateigentum des Kapitals beginnt.
Das heißt nicht, dass der bürgerliche Staat einfach das Werkzeug einzelner Kapitalist:innen ist, die der Regierung heimlich Befehle erteilen.
Doch dieser bürgerliche Staat muss die kapitalistische Gesellschaft organisieren und erhalten. Denn er ist auf Investitionen, Profite, Steuereinnahmen und Beschäftigung angewiesen. Er ist auf eine funktionierende kapitalistische Akkumulation angewiesen. Deshalb hören wir von jeder Regierung, egal ob CDU, SPD, Grünen oder einer anderen Partei, früher oder später dieselben Worte: Die Wirtschaft muss wachsen. Der Standort muss attraktiv bleiben. Unternehmen dürfen nicht abgeschreckt werden.
Deshalb werden in Krisenzeiten plötzlich Renten, Bürgergeld, Krankenhäuser, das Gesundheitssystem und öffentliche Infrastruktur zum „Kostenproblem“.
Der Sozialstaat kann die schlimmsten Folgen davon vielleicht abfedern. Und uns ist klar: Selbst das musste hart gegen das Kapital erkämpft werden: Rente, Krankenversicherung, Wahl-, Streik- oder Organisationsrecht wurden erkämpft – von Arbeiter:innenbewegung, Frauenbewegung, antifaschistischen und sozialen Kämpfen.
Diese Errungenschaften verteidigen wir gegen jeden Angriff. Und uns allen hier ist bewusst, dass diese Angriffe fast täglich zunehmen und durch die Stärke der AfD weiter befeuert werden.
Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Selbst eine mögliche linke Regierungsbeteiligung übernimmt keinen neutralen Staat, den sie einfach für andere Zwecke benutzen kann. Auch ein noch so sozialer Sozialstaat hebt die materielle Macht des Kapitals nicht auf. Auch ein noch so sozialer Sozialstaat bleibt eben ein kapitalistischer Staat.
Würde der bürgerliche Staat die Ursachen für die sich zuspitzenden sozialen Gegensätze dieser Gesellschaft wirklich an ihrer Wurzel angehen, müsste er seine eigene Grundlage infrage stellen: das Privateigentum an Produktionsmitteln und damit die Herrschaft des Kapitals.
Solange die bürgerliche Demokratie die kapitalistischen Grundlagen dieser Gesellschaft nicht antastet, kann sie die sozialen Gegensätze, auf deren Boden die AfD und die extreme Rechte wächst, nicht grundlegend beseitigen.
Deshalb wollen wir mehr als einen bürgerlichen Sozialstaat der die Zurichtungen der kapitalistischen Herrschaft abmildert, ohne die Verhältnisse abzuschaffen, die Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit immer wieder erzeugen. Wir wollen eine Gesellschaft, in der überhaupt niemand mehr ausgebeutet werden muss.
Deshalb wollen wir mehr als eine Demokratie, in der zwar fast alle wählen dürfen, während aber die Kapitalinteressen entscheiden, was produziert wird – und wer am Ende genug zum Leben hat.
Wir wollen eine Gesellschaft, in der die Masse der Werktätigen selbst über den gesellschaftlichen Reichtum entscheiden.
Wir sind bereit, die sozialen und demokratischen Errungenschaft gegen den Faschismus und gegen die AfD zu verteidigen. Aber wir verteidigen sie nicht, um zur bestehenden Ordnung zurückzukehren. Wir verteidigen sie als Grundlage, auf der die lohnabhängige Klasse sich organisieren und um eine Gesellschaft ohne Klassen und Ausbeutung kämpfen kann.
Nur so lässt sich der Siegeszug der Faschisten bekämpfen!
Deshalb besteht unsere Antwort auf die AfD nicht darin, alle vier Jahre das kleinere Übel zu wählen. Deshalb geht unser Antifaschismus weiter als bis zur nächsten Wahl.
Wer den Faschismus tatsächlich bekämpfen will, muss die Verhältnisse überwinden, die ihn immer wieder hervorbringen.
Gegen den bürgerlichen Staat.
Gegen die Herrschaft des Kapitals.
Für den Kommunismus.
