Die angeblich „palästinasolidarische“ Bewegung und ihre judenfeindliche Täter-Opfer-Umkehr

In diesem Beitrag wollen wir der Frage nachgehen, wie die sich als „palästinasolidarisch” verstehende Bewegung mit dem von der Hamas verursachten Elend in Gaza umgeht und in welcher Tradition sie und andere heutige Antizionist:innen stehen, wenn sie Israel einen Genozid an der palästinensischen Bevölkerung vorwerfen.

Die angeblich „palästinasolidarische” Bewegung geht in Saarbrücken und weltweit vor allem gegen Israel auf die Straße, ruft „Free Gaza” und, ganz im Sinne der Hamas, „From the river to the sea, Palestine will be free”. Dabei zeigen ihre Handlungen, Symbole und Veröffentlichungen, auf die wir in einem noch folgenden Beitrag genauer eingehen wollen, dass es ihnen nicht wirklich um die Freiheit der Palästinenser:innen geht. Wenn sie „Freiheit für Palästina” fordern, meinen sie nicht die Freiheit Palästinas vom Islamismus oder die Freiheit der palästinensischen Bevölkerung von der Diktatur der Hamas, von ökonomisch prekären Zuständen oder von der wirtschaftlichen Abhängigkeit von imperialistischen Kräften. All das wäre durchaus unterstützenswert. Ihnen geht es jedoch einzig und allein um die „Freiheit“, Israel als Schuldigen für das Leid in Gaza darzustellen. Es geht ihnen um die „Freiheit“, nicht über die Hamas reden zu müssen. Es geht um die „Freiheit“, dem Zionismus nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah und damit Israel das Existenzrecht abzuerkennen. Und letztlich geht es um die „Freiheit” der Hamas, Angriffe wie am 7. Oktober 2023 zu begehen, ohne dafür zerschlagen zu werden.

In ihrer Darstellung wird der Zionismus und mit ihm der jüdische Staat zu einem „kolonialistischen“ Projekt mit „imperialistischen Kontrollansprüchen“ und „rassistischen Vernichtungsfantasien“ stilisiert. Und das nur, weil dieser Staat überhaupt existiert und seit dem 7. Oktober noch entschlossener gegen jene vorgeht, die ihn und seine Bevölkerung vernichten wollen. Der Israel vorgeworfene „Genozid” an den Palästinenser:innen dient dabei als Legitimation, nicht über die Hamas reden zu müssen, und zeitgleich als Begründung für die Forderung, Israel und seine Bewohner:innen „from the river to the sea” von der Landkarte zu streichen.

Zum scheinbaren Beleg ihrer Thesen ziehen heute Verteidiger:innen der Hamas und andere Antizionist:innen gerne isolierte Zitate rechter israelischer Politiker:innen, spezifische Kriegshandlungen oder Einschätzungen von UNO und Hilfsorganisationen heran. Einige dieser Aussagen und Handlungen israelischer Politiker:innen und Militärs können im Einzelfall durchaus reaktionär sein. Für die Beurteilung der tatsächlichen staatlichen Zielsetzung Israels taugen sie jedoch nicht. Genauso wenig wie die Berufung auf von der Hamas übernommene Zahlen und Einordnungen in Urteilen von internationalen Gremien und Organisationen wie der UNO, „Ärzte ohne Grenzen” oder Amnesty International. Diese dienen als Feigenblatt, hinter dem der eigene Antisemitismus verschwinden soll. Er soll den eigenen Hass auf Israel durch die bloße Anrufung von vermeintlichen Autoritäten rechtfertigen und verschleiern. Anstatt zu prüfen, wie ungeniert sich diese Akteure an der weltweiten antijüdischen Hetzkampagne beteiligen und Hamas-Propaganda übernehmen, wird die Wahrheit auf den Kopf gestellt. Plötzlich zählt für sie nicht mehr die unumstößliche Tatsache, dass Israel das Recht hat, die Hamas als islamistische und faschistische Organisation vollständig zu zerschlagen und die Sicherheit seiner Bürger:innen zu garantieren. Vielmehr geht es ihnen darum, diesen legitimen Kampf zu entkontextualisieren, als Genozid zu diffamieren und den jüdischen Schutzraum zu delegitimieren, um Jüdinnen und Juden letztlich ihren Mörder:innen auszuliefern.

Der Genozidvorwurf gegen Juden als Tradition antisemitischer Täter

Wer dem jüdischen Staat einen Völkermord unterstellt, macht sich – ob bewusst oder unbewusst – zum Erfüllungsgehilfen der Propaganda der Hamas. Denn in ihrer Grundsatzerklärung ruft diese seit ihrer Gründung im Jahr 1987 offen zur Ermordung von Juden und Jüdinnen auf (siehe hierzu Teil 3 unserer Reihe). Sie verfolgt das programmatische Ziel, den Staat Israel vollständig zu vernichten, und begründet dies mit antisemitischen Verschwörungserzählungen. Zwar wurde dieses Papier 2017 durch ein neues ersetzt, doch durchlief es den gleichen Wandel, den auch die deutschen Antisemit:innen durchliefen: Das Feindbild des „Juden” wurde durch das des „Zionisten” ersetzt. Anstatt sich wie zuvor offen auf antisemitische Hetzschriften wie die „Protokolle der Weisen von Zion” zu beziehen, werden heute vermeintlich liberale Begriffe wie „Antikolonialismus” und „Antizionismus” zur Begründung von Vernichtungsfantasien herangezogen. Ihr Ziel, anstelle von Israel einen islamischen Staat „in ganz Palästina” zu gründen, wird für die Menschen in Israel dadurch aber nicht weniger existenzbedrohend.

Mit dem Vorwurf des „Genozids” knüpfen heutige Antizionist:innen, insbesondere in Deutschland und Palästina, an eine lange Tradition des antisemitischen Täter-Opfer-Umkehrs an. Aus der nationalsozialistischen Hassparole „Die Juden sind unser Unglück” wurde bei den heutigen Nazis „Israel ist unser Unglück” und die Parolen der Pseudo-Antiimperialist:innen meinen sinngemäß ebenfalls „Der Zionismus ist unser Unglück”. Ihr Ziel ist und war immer das Gleiche: Den Opfern die Verbrechen ihrer Mörder in die Schuhe zu schieben. Dieses Phänomen ist in Deutschland nicht neu: Bereits 1943 verbreitete Joseph Goebbels die Lüge, das „Weltjudentum“ plane die „totale Vernichtung“ des deutschen Volkes. Damit sollte der industrielle Massenmord der Nazis als vermeintliche Notwehr gerechtfertigt werden.

Diese Tradition setzte sich bei Hitler-Anhängern und Nazi-Kollaborateuren wie Amin al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem und Stichwortgeber der heutigen vorherrschenden palästinensischen Nationalbewegung, fort. Bereits in den 1940er Jahren verbreitete er die Lüge, Juden wollten „die Araber und den Islam auslöschen“. Auch in der deutschen Linken der Nachkriegszeit fand dieses Motiv Anklang. So behaupteten die Täter, die 1969 einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin verübten, die „Zionisten” würden die „Kristallnacht von 1938” tagtäglich wiederholen, um das palästinensische Volk „auszuradieren”.

Letztlich ist der gesamte Genozidvorwurf eine manipulativ inszenierte Umkehrung der Verantwortlichkeit, die nur einem Zweck dient: Juden und Jüdinnen zu entmenschlichen. Im direkten Bezug auf Israel zeigt sich dies im heutigen Antizionismus, der den selbst geschaffenen jüdischen Schutzraum als unrechtes, verbrecherisches, bekämpfenswertes Projekt darstellt, das zum Wohle aller beseitigt werden müsse. Das gleiche Ziel mit derselben Logik verfolgen der Apartheid-Vorwurf an Israel und die Kritik der Siedleraktivitäten. 

Apartheid-Vorwurf und Siedlungsdebatte: Ideologie statt Analyse

In den Teilen 3 und 4 unserer Reihe wurde der Genozidvorwurf als zentraler Versuch der Täter-Opfer-Umkehr und Dämonisierung Israels sowie der Juden und Jüdinnen entlarvt. Die Breite der antizionistischen Hetze der „palästinasolidarischen“ Bewegung offenbart sich auch durch den pauschalen Vorwurf, Israel sei ein Apartheidregime, sowie durch die rhetorische Gleichsetzung der Siedlungsaktivitäten mit „Kolonialismus“. Die Verwendung dieser Begriffe folgt der gleichen propagandistischen Logik: Es werden moralische Schlagworte verwendet, die die historische Spezifik ignorieren, um Israel als jüdischen Schutzraum als Ganzes zu delegitimieren und als „rassistischer“ oder „kolonialer“ Vernichtungsstaat zu denunzieren. Teil 4 enthüllt, dass die angeblich „palästinasolidarische“ Bewegung in der Apartheid- und Siedlungsdebatte weniger politische Analyse als sprachliche und historische Verwüstung betreibt.

Apartheid-Vorwurf als moralischer Deckmantel antisemitischer Projektion

Wer Israel als „Apartheidstaat” diffamiert, verneint die historische und juristische Präzision des Begriffs, um antisemitische Lügen zu verbreiten. Anstatt konkrete, kritisierbare Verhältnisse zu benennen, wird ein Totalurteil gefällt und der Staat Israel als solcher moralisch geächtet. Dabei bedient man sich einer schiefen historischen Analogie: Apartheid bezeichnete in Südafrika ein klar bestimmbares System, nämlich die Herrschaft einer weißen Minderheit über eine entrechtete schwarze Mehrheit, die durch ein explizit rassistisches Rechtssystem abgesichert wurde und politische Teilhabe systematisch ausschloss. 

Die israelisch-palästinensische Konstellation unterscheidet sich hiervon jedoch in zentralen Punkten. Es stehen sich zwei nationale Kollektive gegenüber, keine „Rassen“ im Sinne des Apartheidsregimes in Südafrika. Im Gegensatz zu seinen islamistisch-feudalen Nachbarn ist Israel ein demokratischer Raum mit jüdischer und arabischer Opposition, mit Wahlen, Regierungswechseln und rechtsstaatlichen Strukturen. In Israel leben rund 2,2 Millionen arabische Staatsbürger:innen – rund ein Fünftel der Bevölkerung – mit Bürger:innen- und Grundrechten sowie sichtbarer Präsenz in allen gesellschaftlichen Bereichen: Sie wählen, sitzen im Parlament, sind Teil des Justizsystems, der Universitäten und der Öffentlichkeit. Sie sind als Ärzt:innen, Anwält:innen, Abgeordnete, Richter:innen, Soldat:innen und Studierende tätig. Das gilt auch für arabische Frauen und queere Menschen in Israel: Sie verfügen über rechtliche und gesellschaftliche Freiheiten, die ihnen in weiten Teilen der arabischen Nachbarländer systematisch verwehrt bleiben. Dort werden sie etwa im Ehe- und Familienrecht oder in Fragen öffentlicher Selbstbestimmung benachteiligt und teilweise verfolgt. Ein deutliches Zeichen für die Pluralität in Israel ist zudem die Religionsfreiheit: Während Moscheen in Israel selbstverständlich sind, wäre eine Synagoge im Gazastreifen unter der Hamas undenkbar. Auch der Widerstand von innen ist ein entscheidender Unterschied: Trotz des Kriegszustands demonstrieren regelmäßig Hunderttausende Israelis gegen ihre eigene reaktionäre Regierung, gegen Kriegseinsätze, gegen antidemokratische Tendenzen und für die Rechte von Minderheiten. All das passt schlecht zu der Vorstellung einer systematischen Diskriminierung oder einer „rassistischen” Trennung in einem tatsächlichen Apartheid-System. 

Wir bestreiten nicht, dass es in Israel kapitalistische Ausbeutung und rassistische Diskriminierung gibt. Genau das wäre von Menschen, die sich unbedingt mit den Ungerechtigkeiten in Israel beschäftigen wollen, auch konkret zu kritisieren. Hier muss jedoch klar zwischen berechtigter Kritik an staatlicher Diskriminierung innerhalb eines demokratischen Staates und der reaktionären Gleichsetzung mit einem rassistischen Unrechtsregime unterschieden werden. Wer alles, was Israel tut, unter den Apartheid-Begriff subsumiert, ersetzt Differenzierung und Kritik durch unscharfe moralische Gleichmacherei und ignoriert die historische Spezifik sowohl Südafrikas als auch Israels.

Uns ist bewusst, dass die menschenrechtliche Realität widersprüchlich und komplex ist: Israel ist ein bürgerlich-demokratischer Staat, die Westbank wird militärisch kontrolliert und es gibt eine zunehmende Siedlungsaktivität, in Gaza herrscht eine durch Krieg geprägte Situation. Gerade hier wäre eine differenzierte Analyse gefragt, die verschiedene Rechtssysteme, Institutionen, Akteurskonstellationen und Klassenverhältnisse berücksichtigt. Durch das Apartheid-Etikett wird jedoch alles in eine monolithische Struktur gegossen. Notwendige israelische Sicherheitsmaßnahmen werden dabei vollkommen ausgeblendet. Raketenangriffe, Selbstmordattentate und terroristische Anschläge auf die israelische Zivilbevölkerung werden ignoriert, während Checkpoints, Sicherheitszonen und Militärpräsenz in der Westbank reflexhaft als „Besatzung” denunziert werden. Wer die Bedrohungslage Israels ignoriert, betreibt nicht nur gedankliche Blindheit und Verharmlosung, sondern stilisiert auch einen Staat, der sein Volk verteidigt, zum Unterdrücker. Dies dient nicht zuletzt der moralischen Selbstdarstellung: Wer Israel zum Inbegriff von Apartheid erklärt, kann sich als kompromisslose Gegner:in von Rassismus inszenieren. Man kämpft held:innenhaft gegen „den letzten Apartheidstaat“, während man die Gewaltverhältnisse an den EU‑Außengrenzen, die eigene Abschiebepolitik, den Rassismus im Inneren problemlos in den Hintergrund treten lassen kann. Gleichzeitig kann sich antisemitische Projektion hinter antirassistischer Rhetorik verstecken: Man kämpft scheinbar gegen Rassismus, zementiert aber eine Projektionsfläche, auf der „die Juden“ als zentrale Störgröße der Weltordnung erscheinen. Der Apartheidvorwurf macht aus dem  jüdischen Staat den Inbegriff rassistischer Herrschaft. Dies fügt sich nahtlos in den klassischen antisemitischen Topos vom „jüdischen Täterkollektiv“ ein, das zum globalen Hauptschuldigen erklärt wird und anderen das antut, was es selbst erlitten hat. So entsteht die Figur des „schlimmsten Rassisten der Welt“, der – wenig überraschend – jüdisch ist. Dabei wird auch hier wieder die historische Dimension Israels systematisch ausgeblendet. Ein Staat, der nach Jahrhunderten der Verfolgung und der Shoa aus der Notwendigkeit eines jüdischen Schutzraums gegen imperialistische Kolonialmächte und die arabische Reaktion entstanden ist, wird als alleiniger Täter stilisiert. Wer Israel einseitig moralisch verdammt, ignoriert zudem, dass der Staat nicht nur verhandelt, sondern vielfach konkrete Lösungen angeboten hat, die wiederholt abgelehnt oder torpediert wurden – von territorialen Kompromissen über Zwei-Staaten-Pläne bis hin zu diplomatischen Initiativen. Die palästinensische Führung lässt lieber die eigene Bevölkerung im Krieg sterben, als Juden und Jüdinnen als ihre Nachbar:innen zu dulden.

In großen Teilen der sogenannten „antiimperialistischen“, pseudo-palästinasolidarischen Bewegung dient der Apartheid-Vorwurf nicht als Hebel, um konkrete Verbesserungen für Palästinenser:innen zu fordern, sondern als Abkürzung zur grundsätzlichen Delegitimierung Israels. Wird ein Staat als Apartheidstaat definiert, erscheint seine Reform per Definition unmöglich – er muss „bekämpft” werden. Die Eliminierung des jüdischen Staates wird so zum obersten Ziel, während die internationale Befreiung im Allgemeinen und die Emanzipation der palästinensischen Bevölkerung – gleiche Rechte, Bewegungsfreiheit und ökonomische Perspektiven – in den Hintergrund rücken. Im Zentrum ihrer sogenannten „Palästinasolidarität” steht der symbolische Triumph über einen jüdischen Staat im Existenzkampf, nicht die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der palästinensischen Bevölkerung. Dies ist keine sozialistische Politik, sondern ein von Antisemitismus motivierter rhetorischer Krieg gegen die historische und aktuelle Legitimität des jüdischen Schutzraums. Grundlage ist keine materialistische Analyse, sondern das bewusste Ausblenden von Historie und Kontext zugunsten falscher Moral und einem identitären, pseudo-linken Bauchgefühl gegen Israel. 

Siedlungen als Sündenbock

Passend dazu fügt sich die pseudo-antiimperialistische Debatte über Israels Siedlungspolitik im Westjordanland ein. Auch hier leiden die Anschuldigungen gegen Israel weniger unter einem Mangel an Kritik als unter einem Mangel an Analysefähigkeit. Die Siedlungen werden regelmäßig als das ultimative Übel präsentiert: als Beweis für Israels angebliche Aggression, als moralisches Argument gegen jede Form von Israelsolidarität und als zentrale Ursache des Konflikts. Damit werden dessen eigentliche Hintergründe, Dynamiken und realen Kämpfe systematisch und bequem ausgeblendet. 

Ja, die Siedlungspolitik wird politisch toleriert, teilweise sogar gewollt und staatlich gefördert. Sie ist in Teilen juristisch fragwürdig. Ja, ihre Expansion beschleunigt sich mit zehntausenden neuen Wohneinheiten und einer wachsenden Zahl von Außenposten. Und ja, die Gewalt durch radikale Siedler ist real und nimmt zu. Unsere Kritik richtet sich nicht dagegen, diese Verhältnisse zu problematisieren. Aber daraus einen monolithischen „Kolonialplan“ zu konstruieren, ist nicht nur analytischer Unsinn, sondern auch eine ideologische Selbstbestätigung für die pseudopalästinasolidarische Bewegung und ihre antisemitischen Stichwortgeber in Palästina. Faktisch sind die Siedlungen weder ein rein ideologisches noch ein primär expansionsgetriebenes Projekt. Die Mehrheit der Siedler:innen im Westjordanland lebt aus materiellen Gründen dort: niedrige Wohnkosten, staatliche Subventionen und eine bessere Lebensqualität. Ein erheblicher Teil des Wachstums ist demografisch bedingt, insbesondere durch ultraorthodoxe Gruppen mit hohen Geburtenraten. Dies ist politisch problematisch, jedoch weit entfernt von einem kolonialen oder genozidalen Masterplan. Zudem ist zwischen individuellen Motiven und staatlicher Siedlungspolitik als zwei unterschiedlichen Ebenen zu unterscheiden, die hier zusammenwirken. Während viele Siedler:innen aus ökonomischen oder religiösen Gründen in diese Gebiete ziehen, wurden zahlreiche Siedlungen auch aus sicherheitspolitischer Notwendigkeit errichtet.

Das Westjordanland und die angrenzenden Höhenzüge sind strategisch kritische Gebiete, deren Kontrolle das Überleben Israels sichern soll – eine Lektion aus den ersten Jahrzehnten nach 1948, als es zu Angriffen aus den reaktionären arabischen Nachbarstaaten kam, Grenzgebiete besetzt wurden und es zu Terrorwellen in den 1970er und 1980er Jahren kam. Der Großteil der Siedlungen ist daher nicht zufällig platziert, sondern strategisch auf Hügeln, in Pufferzonen und an Schlüsselrouten gelegen. Sie dienen als militärische Beobachtungsposten, ermöglichen eine schnelle Reaktion auf Bedrohungen und wirken als physische Barrieren gegen potenzielle Angriffe. Die Geschichte widerlegt zudem die naive These, dass das Ende von Siedlungen automatisch Frieden bringt. Israel hat Siedlungen geräumt – im Sinai vollständig im Jahr 1982 und im Gazastreifen einseitig im Jahr 2005. Das Ergebnis waren jedoch keine stabilen Friedensverhältnisse, sondern Raketenangriffe auf israelische Städte und die Machtübernahme der offen antisemitischen Terrororganisation Hamas in Gaza im Jahr 2007. 

Geografisch konzentrieren sich viele der Siedlungen nahe der Grünen Linie, also in Gebieten, die Israel in jedem ernsthaften Verhandlungsplan ohnehin zugesprochen würden. Die oft behauptete „Unmöglichkeit“ einer Konfliktlösung aufgrund der israelischen Siedlungen ist daher eher politisches Geschwätz als geografische Realität. 

Das Westjordanland war noch nie ein souveräner Staat, sondern war nach 1948 zunächst von Jordanien besetzt und sein internationaler Rechtsstatus wurde nie abschließend geklärt. Wer sich dabei heute auf das Völkerrecht bezieht, sollte sich dessen bewusst sein. Das Völkerrecht ist ein Relikt der überholten Nachkriegsordnung der bürgerlichen Demokratien. Diese Ordnung ist zusammengebrochen, weil diese Demokratien seit Jahren tatenlos zusehen, wie faschistische und islamistische Kräfte die Welt destabilisieren und der bürgerlich-demokratischen Ordnung den Krieg erklären. An eine internationale Rechtsordnung zu glauben, die längst dysfunktional ist, ist nicht nur naiv und gefährlich, sondern meist auch Ausdruck antisemitischer Doppelstandards, mit denen Israel an Richtlinien gemessen wird, die bei anderen Konflikten keine Rolle spielen. Für uns kann es keinen Frieden mit politischen Feinden geben, weder mit dem islamistischen Terror noch mit Antisemit:innen. Wir unterstützen Israel, die Kurd:innen, Drusen und alle Kräfte, die sich dem reaktionären Terror widersetzen. 

Während jede israelische Baumaßnahme international skandalisiert wird, bleibt die Führung der Palästinenser:innen im Westjordanland von den sogenannten „Antiimperialisten” bemerkenswert unangetastet. Dabei handelt es sich um eine politische Führung ohne klare demokratische Legitimation, die systematische Aufrechterhaltung reaktionärer, unrealistischer Maximalforderungen und ein gesellschaftliches Klima, in dem Gewalt gegen Israel offen unterstützt und zum Ziel erhoben wird. Das sind keine Randnotizen, sondern zentrale Faktoren für jede realistische Konfliktlösung. Das heißt nicht, dass Siedlungen unproblematisch sind. Im Gegenteil: Sie untergraben die Rechtsstaatlichkeit und stärken reaktionäre Kräfte in Israel selbst. Gerade ideologisch motivierte Siedler:innen tief im Westjordanland sind ein reales Hindernis für territoriale Kompromisse. Kritik, die daraus jedoch ein „alles erklärendes Übel“ macht, ist verzerrt, oberflächlich und analytisch fahrlässig, da sie komplexe geopolitische und historische Realitäten reduziert, die strategische Logik verkennt und die Existenzbedrohung Israels ausblendet. Der Konflikt besteht nicht wegen der Siedlungen, sondern die Siedlungen bestehen, weil der Konflikt ungelöst ist. Wer das umdreht, betreibt Propaganda statt Analyse und verzerrt die Realität. 

Die pseudopalästinasolidarische Bewegung nutzt die Begriffe „Genozid” und „Apartheid” sowie die Debatte über die Siedlungen, um jede materialistische Analyse zu sabotieren und den jüdischen Staat zum zentralen Sündenbock der Weltordnung zu machen. Wer es ernst meint mit emanzipatorischer Politik und weltweit gegen faschistische sowie patriarchale Unterdrückung kämpfen möchte, muss sich zwangsläufig auch gegen jede Form von Antisemitismus, Antizionismus und Islamismus stellen. 

Für uns als Kommunist:innen ist klar: Sowohl die Selbstverteidigung des Staates Israel als jüdischer Schutzraum und die Sicherung seiner Bürger:innen ist notwendig und richtig, genau so wie der konsequent geführte Kampf gegen die Hamas. Beides sind demokratische Notwendigkeiten gegen die ständige antisemitische Vernichtungsdrohung. Jede Form der Pseudosolidarität, die die Verbrechen der Hamas verschweigt und Israel das Existenzrecht abspricht, steht im fundamentalen Widerspruch zu den Zielen der internationalen Befreiung. Daraus folgt notwendigerweise ein Bruch mit der hier beschriebenen Pseudo-Palästinasolidarität und ihren Symbolen, auf den wir in Teil 5 unserer Reihe näher eingehen werden. 

Anmerkung zum Gendern: Im Gegensatz zu unseren anderen Veröffentlichungen verzichten wir bei der Nennung von „Juden und Jüdinnen” auf Gender-Sonderzeichen wie den Doppelpunkt. Dies hat zwei Gründe: Einerseits ist die dabei entstehende isolierte Silbe „Jüd” historisch als antisemitische und nationalsozialistische Diffamierung belastet. Andererseits würde dabei die männliche Form, „Jude”, verschwinden.

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